TAZ-Bericht mechthild bausch
vom 21.08.1992


"All die Erschlagenen, wer lebt für die?"



Der Hamburger Künstler Heinz Richheimer hat die Internierung in zwei
KZs überlebt. Über seine Erinnerungen, sein Leben, über Schuldgefühle
und Bewältigung sprach er mit Mechthild Bausch hat die Internierung in zwei
KZs überlebt. Über seine Erinnerungen, sein Leben, über Schuldgefühle
und Bewältigung sprach er mit taz-Redakteurin Mechthild Bausch
Vorbei an Wiesen und Feldern, Kühen, sogar ein Pferd, das am Ufer eines
kleinen Flusses steht und den Kopf ins Wasser hängt. Es ist heiß, das Fenster
ganz heruntergelassen. Auch Heinz Richheimer muß gerade diesen Weg gekommen
sein, über die Autobahn Richtung Geesthacht, Ausfahrt Curslack, es ist ja
ausgeschildert: Gedenkstätte Neuengamme fünf Kilometer, durch das
Dorf und über den Deich, wo eine Straße, die links abgeht, "Zwischen den
Zäunen" heißt.

Er steigt aus dem Auto, vom Beifahrersitz, und geht um den Wagen herum.
Freundlich sieht er aus, bedächtig, fast ein bißchen abwesend, jedenfalls
nicht sehr aufgeregt. Er spricht nicht laut, er kann nur flüstern, eine
Verhärtung der Stimmbänder sei der Grund, sagt er. Wir gehen hinüber zu dem
großen schwarzen Würfel, dem Dokumentenhaus des ehemaligen
Konzentrationslagers, das auf dem kurzgeschorenen Rasen steht. Er schaut gar
nicht um sich, blickt auf den Boden oder sucht mit den Augen nach seinen
Begleitern. Ob irgend etwas so ist wie in seiner Erinnerung? "Nein", sagt er,
und das Rauschen der vielen Bäume ist fast so laut wie das rauhe Flüstern.
"Aber das ist ja auch ein halbes Jahrhundert her." Was er damals bei seiner
Ankunft im Lager wahrgenommen habe? "Ich erinnere mich an einen Wagen mit
Gummirädern, der von Menschen statt von Tieren gezogen wurde."


Sonderbefehl RU: "Rückkehr unerwünscht"

"6. Juni" steht am Ende ganz zuoberst auf meinem Notizblock, die Scheu läßt
einen wohl zunächst nach Daten greifen. Wegen Bombenangriffen auf die
Innenstadt wurden die Häftlinge des Gefängnisses Fuhlsbüttel im Juni 1944
nach Neuengamme gebracht, darunter auch der "Polizeihäftling" Heinz
Richheimer, damals 24 Jahre alt. Im gleichen Transport waren seine Freunde
Max Kristeller, Felix Jud und Jürgen Friedemann, mit denen er 1942 eine
Widerstandsgruppe in Hamburg gegründet hatte, die Flugblätter verteilte,
Verfolgte des Nazi-Regimes versteckte und Kontakte ins "feindliche Ausland"
unterhielt.

Direkte Verbindung bestand auch zu den UKE-Ärzten Heinz Lord, John Gluck und
dem Studenten Frederik Geussenhainer, die ihrerseits Kontakt zur
Weißen Rose in München hielten. Auch sie waren in dem Transport
vom Gefängnis Fuhlsbüttel ins KZ Neuengamme.

Für Heinz Richheimer und Jürgen Friedemann war Neuengamme nur eine
Durchgangsstation auf dem Weg ins österreichische KZ Mauthausen, wohin sie
schon wenige Wochen später mit "Sonderbefehl RU" - "Rückkehr unerwünscht" -
deportiert wurden. Auch John Gluck, Max Kristeller und Frederick
Geussenhainer kamen später dorthin. Von allen hier Genannten erlebte
Geussenhainer die Befreiung nicht mehr.

Heinz Richheimer war nach den "Nürnberger Rassegesetzen" ein "Halbjude". Sein
Vater, ein aus Heidelberg stammender Kaufmann jüdischer Herkunft, überlebte
Nazizeit und Krieg, indem er sich mit Frau und Familie in einer Hamburger
Wohnung versteckte. In Fuhlsbüttel gab es einen Aufseher namens "der Lange
Paul", erinnert Heinz Richheimer sich. "Und ich war so wahnsinnig blond und
sah so arisch aus, und der Lange Paul fragte mich, wie ich als deutscher Mann
überhaupt dahin käme." Beim Transport nach Neuengamme habe ihn der Lange Paul
in die Bauchdecke getreten, und, als er ihn dann wiedererkannte, sich "quasi
noch entschuldigt".

Ein Weg führt über den grünbewachsenen Boden hinüber zu dem rekonstruierten
"Plattenhaus", eine Art behelfsmäßiges Einfamilien-Musterhaus, das
KZ-Häftlinge nahe des Grabens, der das Gelände von der Zufahrtsstraße
trennte, aufbauen mußten. Im Plattenhaus, in dem heute ein Büro ist, treffen
sich Heinz Richheimer, sein Freund Jörg Stange und Detlev Garbe, Leiter der
Gedenkstätte, zu einem ersten Gespräch: Die Mitarbeiter der Gedenkstätte
erstellen eine Dokumentation über das Leben ehemaliger KZ-Häftlinge. Das
Projekt umfaßt bereits Gesprächsprotokolle mit über 100 ehemaligen Gefangenen
aus ganz Europa.

"Sagen Sie, ich war Block 17, wo war das denn?", fragt Heinz Richheimer und
erfährt, daß die Holzbaracken des damaligen "Quarantänelagers", in dem die
Polizeihäftlinge isoliert wurden, nach dem Krieg abgerissen worden sind. Auch
an die Ziegelbrennerei erinnert Richheimer sich noch und erkundigt sich, ob
es die noch gibt. Sie steht noch, und er ist vor zehn Minuten daran
vorbeigegangen.

Heinz Richheimer fragt nach einer Scheibe Brot. Eine Scheibe Brot gibt es
hier nicht, dafür aber Kekse. Er erzählt dann, wie er im KZ Mauthausen
Auftragsporträts zeichnete und dadurch "Vorzugsposten" bekam. Irgendwann habe
"Hamburg rückgefragt, ob wir etwa noch leben". Dann habe man ihn gefoltert.
"Ich hatte ein neues Deutschlandlied geschrieben", sagt er und stimmt
unvermittelt und mit heiserer Stimme eine Strophe an: "Sie sollen die Ketten
tragen. Wir wollen die Freien sein". Er habe das Lied gesungen, und, als die
Folterer, erst völlig erstaunt, weiter mit dem Ochsenziemer auf ihn
eingeschlagen hätten, wieder von vorne angefangen. "Ich kam da raus und habe
nur gelacht", sagt er, "ich habe keine Schmerzen gespürt, obwohl mein Rücken
blutig geschlagen war."


"Wer das KZ überlebt hat, fühlt sich oft schuldig"

Da hatte es sich auch schon herumgesprochen, das mit seinem Deutschlandlied,
er sei eine Art Held gewesen. Nach ihm war ein Zeuge Jehovas dran. "Wie
hießen die noch damals?", fragt er in die Runde. "Bibelforscher". Und als
entfessele dieses Wort einen Sturm der Erinnerungen, bricht er plötzlich in
ein irres Lachen aus, das eigentlich kein Lachen, sondern ein Schmerz ist.
"Bibelforscher", wiederholt er. "Den haben sie mit Hunden zu Tode gehetzt."

"Wissen Sie", sagt er, und das ist bei unserer zweiten Begegnung, die eine
Woche später in seiner Wohnung in Alsterdorf stattfindet, "es ist oft so, daß Menschen,
die das KZ überlebt haben, große Schuldgefühle haben, weil sie glauben, die anderen, die
Toten, sind für sie gestorben. Auch ich habe jahrzehntelang Alpträume gehabt,
daß einer von ihnen vor meinem Bett steht und mich anklagt. Am besten kommt
man darüber hinweg, wenn man in einer quasi adäquaten Situation etwas für
jemand anderen tut." Und so habe er über 20 Jahre lang seine Frau gepflegt,
die an Multipler Sklerose litt.

Von der Terrasse des Wohnzimmers geht der Blick ins Grüne, ein Kanal, Büsche,
Bäume, dahinter versteckt Reihenhäuser. Von weitem ist das Autorauschen der
Alsterkrugchaussee zu hören. An den Wänden hängen Bilder, die Heinz
Richheimer gemalt hat, Aquarelle, Federzeichnungen, auch Ölbilder. In einem
Bücherregal lehnen Fotopostkarten von Francois Truffaut und Audrey Hepburn.

Man könne sich die Aufbruchsstimmung, die direkt nach dem Krieg geherrscht
habe, sicher heute nicht mehr vorstellen, sagt er. Ida Ehre gründete ihre
Kammerspiele, Wolgang Borcherts Draußen vor der Tür wurde dort
uraufgeführt... In einem Zimmer, in dem Richheimers Bilder aufbewahrt sind,
steht auch ein in warmen Ölfarben gemaltes Porträt von Ida Ehre.

Nach der Rückkehr aus Mauthausen, ein Weg, den er zusammen mit Jürgen
Friedemann zu Fuß begann, widmete er sich, nachdem er wieder einigermaßen bei Kräften war, der
Malerei, dem Zeichnen, schrieb und drehte Dokumentarfilme, spielte Kabarett
und traf sich mit all jenen, die ähnliches wie er er- und überlebt hatten:
mit dem Buchhändler Felix Jud und Max Kristeller, der eine Galerie eröffnete,
in der Heinz Richheimer seine Bilder ausstellte.


"Ein Jude ist für mich jemand, der verfolgt ist"

1958, im gleichen Jahr, als sie von Margaret Richheimers Krankheit erfuhren,
zog das Ehepaar in die Alsterdorfer Wohnung ein. Auf der Terrasse
konstruierte Heinz Richheimer eine große Sonnenuhr aus Glas für seine Frau.
Er baute Rollstühle aus Rattan und Metall zusammen, auch eine Rampe vom
Wohnzimmer nach draußen, über die er sie in den Garten fuhr. Viele Fotos von
Schwänen und Enten, die in den Garten, sogar in die Wohnung kamen, kleben in
seinen Fotoalben, und noch viel mehr Fotos von Margaret, die er Mäggi nennt,
und für die er Kleider schneiderte und der er jeden "Hochzeitstag" im Monat
eine rote Rose schenkte.

Nach dem Tod seiner Frau fand er bald darauf eine neue Liebe - und heiratete
sie. Als er seine in dieser Zeit entstandenen erotischen Zeichnungen
ausstellte, hätten das einige seiner Bekannten nicht verstanden, ihm fast übelgenommen.
Gekümmert habe ihn das aber nicht.
Seine zweite Frau und er trennten sich nach einigen Jahren, und dann kam
Corinna, seine um fast 30 Jahre jüngere Freundin, für die er ein ganzes Heft
voller Liebesgedichte geschrieben hat, auch das Märchen von dem Bart, der,
wenn man liebt, viel schneller wächst.

Ob er eine jüdische Identität habe, frage ich Heinz Richheimer am Ende des
Gesprächs. Nein, sagt er, und, nach einer Pause: "Ein Jude ist für mich
jemand, der verfolgt ist." Aber ähnlich wie der Jude und Schriftsteller Jurek
Becker einmal auf diese Frage geantwortet hat, gebe es vielleicht so etwas
wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das diese jüdische Identität ausmache. Er
selbst fühle sich zum Beispiel Menschen vertraut wie der Frau in seiner
Nachbarschaft, die lange Jahre an einer schweren Krankheit gelitten habe.
"Verstehst du, was ich meine?"

Über Heinz Richheimer wurde das erste Mal am 12. Juni dieses Jahres
in der taz geschrieben. Beziehungsweise: Heinz Richheimer schrieb selbst.
Ausgangspunkt war eine Arbeit seines Freundes, des Hamburger Künstlers Jörg
Stange, der seine Installation in der ehemaligen Polizeiwache in der
Eppendorfer Martinistraße 40 in einem Mappenwerk dokumentierte. Heinz
Richheimer kannte diese Wache noch aus Nazi-Zeiten.

Sein Bericht, den die taz damals veröffentlichte, wurde Teil des
Mappenwerks, das inzwischen Jörgen Bracker, Direktor des Museums für
Hamburgische Geschichte, gekauft hat. Gemeinsam wurde das Konzept für eine
Art biographische Ausstellung von und über Heinz Richheimer entworfen, die
das Museum 1993 zeigen wird.

Einen seltsamen Begriff von eines Menschen Zeit zeigt indes die
Kulturbehörde: Jörg Stange hatte dort schriftlich angeregt, den heute
72jährigen Richheimer für seinen Widerstand im 'Dritten Reich` zu ehren,
etwa, so schlug er vor, mit einer neuen Ida-Ehre- oder
Wolfgang-Borchert-Medaille. In dem Antwortschreiben bedankte sich jetzt der
leitende Regierungsdirektor Klaus-Peter Dencker im Namen der Senatorin "für
den Hinweis" und fährt fort: "Der Senat hat bisher zu den sogenannten
'runden` Geburtstagen oder bei ganz aktuellen Anlässen Ehrungen vorgenommen.
Die nächste Möglichkeit wäre der 75. Geburtstag von Herrn Richheimer."
TAZ-HAMBURG 21.08.1992

Heinz Richheimer
Biographie im Rahmen linke Seite:: “All die Erschlagenen wer lebt für die³?

HEINZ RICHHEIMER

Geboren am 31. Januar 1920 in Güstrow, 1923/24 Umzug der Familie Richheimer
nach Hamburg.

Schulbesuch - Realgymnasium und Mittelschule - muß abgebrochen werden: Heinz
Richheimer gilt als "nichtarisch".

Normale Berufsausbildung aus gleichem Grund unmöglich.

1938 Als Dekorateur und Plakatmaler tätig.

1941 Illegales Studium der Malerei bei dem während des 'Dritten Reiches`
"nicht erwünschten" Ivo Hauptmann, Enkel des Dramatikers Gerhart Hauptmann.

1942 Bildung der Widerstandsgruppe Friedemann-Richheimer.

1944 Verhaftung durch die Gestapo. Transport über Fuhlsbüttel und Neuengamme
in das Konzentrationslager Mauthausen (Österreich). Sonderbefehl: "Rückkehr
unerwünscht".

1945 Erste öffentliche Ausstellung bei Max Kristeller in Hamburg.

1947 Künstlerischer Leiter eines kleinen Theaters.

1948 Texte und Bühnenbilder für das "literarische Cabaret".

1940/50 Autor, Regisseur und Produzent mehrerer Dokumentarfilme.

1953 Längere Arbeitslosigkeit, Aushilfsarbeiten.

1956/57 Wandgemälde in Sgraffito- Technik (12x3 Meter), u.a. im Sitzungssaal
der Kalitransportgesellschaft, City-Hochhaus am Klosterwall 4.

1958 Beginn von Margaret Richheimers Krankheit.

1960/62 Entstehung des Romans "Die Kathedrale von Lima", erschienen 1962 im
Marion-von- Schröder-Verlag.

1963 bis heute Restaurierungsarbeiten an kleineren Antiquitäten.

1964 bis 1979 Hauptsächlich schriftstellerische Arbeiten:

Roman "Leonidas oder die Würde des Menschen" (nicht veröffentlicht).

Ernste Satire "Lemuel Gullivers Reisen in das Land der Demokraten"
(Fragment).

Gleichzeitig Bilder, Porträts und Plastiken.

1979 bis 1986 Entstehung der Erzählung "Die Seifenblase".

1980 Erotische Zeichnungen, Ausstellung.

1983 bis 1992 Die "Corinna- Bilder".

Zwei kürzere Prosastücke: "Die Wiedergeburt des achtbeinigen Tieres" und "Das
letzte Wort".

Ein Band "Liebesgedichte".

1992 "Eine Geschichte in Eppendorf" für die Dokumentation:
"Schreibtischtäter" (Mappenwerk von Jörg Stange).