TAZ-Bericht Gunnar F. Gerlach
24.04.1995


Verschlußsache Weltvergiftung



Ein Symposium gegen die Verklärung von Energiepolitik


Am 26. April 1986 wurde die atomare Apokalypse in Tschernobyl Wirklichkeit.
In der Ukraine wurden 2,5 Millionen Einwohner verstrahlt - die Fälle von
Schilddrüsenkrebs bei Kindern der Region haben sich seither um das 20fache
erhöht. In der Evangelischen Akademie fand nun zu diesem Thema am Samstag ein
Symposium Europa ohne Atomenergie - ein Ost-West-Dialog statt.

Bezeichnenderweise waren von politischer Seite nur Vertreter der
Grünen/Bündnis 90 bereit, über alternative Energiepolitik zu
diskutieren. Aus der Bonner SPD-Baracke kamen fadenscheinige
Absagen: "Auf Grund der zu geringen Informationen kann sich die
SPD zu diesem Thema nicht öffentlich äußern!" Dabei hat die
Empfängerin des Alternativen Nobelpreises 1992, die ukrainische Journalistin
Alla Jaroshinskaja, einst die geheim gehaltenen Dokumente der Katastrophe
unter anderem deswegen entwendet, um die Weltöffentlichkeit aufzuklären. Die
Publikation Verschlußsache Tschernobyl liegt zudem in Deutsch seit
1994 vor (Basis Druck Verlag, Berlin, 29,80 Mark).

Von diesem Symposium erhofften sich die Initiatoren nun authentische Berichte
von Umweltaktivisten der ehemaligen Ostblockländer, deren Informationen so
gut wie nie in den Westen gelangen. Die Problematik einer zukünftigen,
gemeinsamen Ost-West-Energie-Politik und die dringend notwendige
Zusammenarbeit bei Alternativ-Projekten steht immer noch unter dem Einfluß
"einer Atom-Lobby in Ost und West, die im Kalten Krieg getrimmt wurde", so
der Konsens.

Eindringlich und solidarisch brachte sich auch die Kunst ins Bild: Jörg
Stange von artbase schuf mit dem Architekten D. Brockmöller ein
anspielungsreiches Veranstaltungs-Logo, daß auch in Zukunft Wirkung zeigen
sollte: Das Bild "Die Akte Tschernobyl 1495-1986" setzt da Vincis Abendmahl
mit einem Chemikalien versprühenden MI-8-Hubschrauber über dem zerstörten KKW
in Beziehung. Statt des Blicks in die perspektivische Landschaft das Grauen
der Perspektivlosigkeit.

Wie gering unser Wissen um Atom-Lobbies und politisch-wirtschaftliche Kalküle
ist, zeigten die Hinweise auf die unselige Rolle des französischen
Energiekonzerns EDF, der seine ostpolitischen Interessen gegen jede
ökologische Vernunft betreibt, oder die Aufklärung über den hier nie bekannt
gewordenen AKW-Unfall A1 Jaslovske Bohunice in der Tschechoslowakei (1976/77)
- die zerstörten Brennstäbe sollen noch vor Ort herumliegen.

Gunnar F. Gerlach