TAZ-HAMBURG 06.08.1994
TAZ-Bericht Julia Kossmann
Hamburger Kunstprojekt artbase arbeitet für Somalia / Mappenwerk zur
Aktion erschienen
An die 500 Millionen Mark hat die Bundeswehr während ihres Einsatzes in den
brennend heißen Wüstensand Somalias gesetzt. Ende März dieses Jahres wurden
die letzten der 1.700 deutschen Soldaten heimgeholt. Geblieben ist außer ein
paar Brunnen mitten in der Wüste nichts. Schon ist das Weltinteresse wieder
mit einer neuen und ebenfalls auf den historischen Fundamenten des
Kolonialismus wurzelnden Katastrophe in Ruanda beschäftigt.
Die europäische Einmischung in Afrika, einem Kontinent mit über 1.000
Völkern, die in Staaten leben, deren Grenzen mit den traditionellen
afrikanischen "Staatsformen" nicht in Übereinstimmung zu bringen sind, hat
sich bisher als kontraproduktiv erwiesen. Orientiert an den Bedürfnissen und
Gegebenheiten des Landes ist dagegen das artbase-Projekt, das der
Hamburger Künstler Jörg Stange im vergangenen Herbst initiierte und am 2.
Oktober 1993 in der konzertierten Kunstaktion "Wasser für Somalia"
gemeinsam
mit dem SOFI (sozial-ökologisches-Freiheits-Institut) an den Landungsbrücken
vorstellte. Mittlerweile arbeiten Menschen aus den verschiedensten Bereichen
der Kunst, Kultur, Wissenschaft und Politik und in Deutschland lebende
Somalis bei artbase mit.
Ausgehend von der Maxime "Schenke einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn
einen Tag, gib ihm eine Angel, und er wird in seinem Leben nicht mehr hungern
müssen" unterstützt artbase den Wiederaufbau einer
Fischerei-Kooperative in Las Koreh im Norden Somalias. Obwohl nie direkt vom
Bürgerkrieg betroffen liegen auch hier im Norden Somalias die Handels- und
Versorgungswege brach, und Raubfischer aus Industrienationen schöpfen mit
modernen Booten die Fischbestände ab. Um die traditionellen Boote wieder
instandzusetzen, fehlt das Geld, das nun artbase aufbringen will.
Für den Kontakt zu den Fischern sorgt der somalische Veterinär Ahmed M. Guled
von der Organisation für die somalische Einheit (OSE), denn
"Informationen
aus erster Hand und der Dialog vor Ort sind für das Gelingen des Projektes
unverzichtbar", heißt es im soeben erschienenen Mappenwerk, einer
künstlerisch gestalteten Selbstdarstellung von artbase, dessen
Verkaufserlös wieder direkt dem Projekt zufließt genauso wie Erlöse aus der
von Jörg Stange gestalteten Wasser-Aktie. Der Hamburger Fischer Heinz
Oestmann, ebenfalls bei artbase engagiert, sagt: "Fischerei hat in
dieser Gegend nur dann eine Zukunft, wenn traditionelle Fangmethoden
ausgebaut und möglichst kostenarme Mittel dafür verwendet werden."
"In Las Koreh handelte einst Sindbad, der Seefahrer, mit Weihrauch. Er könnte
es getan haben. Sollen wir keine Händler sein? Warum denn nicht? Tauschen wir
in Sindbads Fahrensreich die braven Narreteien gegen Tausendundeine Nacht.
Verwandeln wir in Somalia deutsche Maschinengewehre, Panzer und Lenkraketen
zu Wasser. "Werden wir die Händler der Wasseraktie", schrieb Reimer Eilers,
Bezirksvorsitzender des VS in Hamburg, Ende 1993, als die deutschen Jungs
noch in Somalia hockten, in dem Aufsatz "Sindbad rettet die Bundeswehr". Die
Bundeswehr braucht in Somalia nun keine Hilfe mehr, während die Somalis jetzt
erst recht Unterstützung brauchen. "Politik, so sagt man, sei die Kunst des
Machbaren. Doch wo die Politik versagt, hinter ihren Grenzen, ergreift die
Kunst selbst die Initiative", heißt es in der art-base-Mappe.
Folglich will Jörg Stange, der mit einigen artbase-Mitarbeitern im
Herbst Somalia besuchen wird, auch neue Wege gehen, um Geld aufzubringen. Er
will auch mit einem Mineralwasser-Hersteller verhandeln, einige 100.000
Wasserflaschen mit einem künstlerisch gestalteten Etikett zum erhöhten
Solidaritätspreis zu verkaufen, um weitere Mittel in das Projekt fließen zu
lassen, so daß es wie geplant weitergehen kann: "Ohne viel Bürokratie. Ohne
aufwendige Zwischenstationen. Aber mit direkter Kontrolle. Und mit viel
Phantasie." Und als ein zukunftsweisendes Modell einer aufrichtigen Hilfe zur
Selbsthilfe.
Julia Kossmann
artbase-Mappenwerk und Wasser-Aktie zu beziehen über:
(ehemalige Adresse): Artbase-Projektlabor, Essener Str. 2, 22419 Hamburg,
Neue Adresse: Telefon: 040/28054936 stange@metasynapse.net
Jörg Stange, Pilatuspool 15 20355 Hamburg
Spendenkonto: OSE e. V., Kennwort "artbase", Kto.Nr.: